Konfliktarbeit nach geisteswissenschaftlichen Kriterien

 

Die geisteswissenschaftlich geprägte Sichtweise erfasst den Menschen in seiner körperlichen, seelischen und geistigen Natur. In Übereinstimmung mit dieser Dreigliederung ist es das Ziel dieses Ansatzes in der Konfliktbearbeitung, den Menschen in seiner Gesundheit, seiner Beziehungsfähigkeit und in seiner persönlichen Entwicklung zu fördern.

 

In Konflikten ist die Beziehungsfähigkeit, das mittlere Glied des Menschen, offensichtlich geschwächt. Ein außen stehender Betrachter wird oftmals den Eindruck erhalten, dass sich die Positionen der Konfliktparteien zunehmend verhärten und eine gegenseitige Annährung nahezu ausgeschlossen ist, geschweige denn eine Lösung gefunden werden kann.

 

Relativ häufig äußern Konfliktparteien in Beratungsgesprächen, dass sie sich in Verhaltensweisen und Situationen wiederfinden, die ihnen aus ihrer Vergangenheit bekannt sind. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen: einerseits besteht eine Neigung, in Spannungs- und Konfliktsituationen anerzogene, eingeübte und damit gewohnte Verhaltensweisen aufzusuchen, andererseits werden vielfach gerade diese Reaktionsmuster durch die Gegenpartei ausgelöst oder verstärkt. So schilderte mir eine Arbeitnehmerin vor kurzem, dass ihre Vorgesetzte – mit der sie im Konflikt stehe – sie gegenüber anderen Mitarbeitern benachteilige und schikaniere. Sie selber versuche die Belastung dadurch zu reduzieren, indem sie der Chefin alles Recht mache. Im Verlaufe der Beratung offenbarte sie, daß sie bereits als Kind versuchte habe, durch Anpassung ihren Platz in der Familie zu finden.

 

Wir neigen in Konfliktsituationen verstärkt dazu in eingeübte Rollenmuster zu fallen, die unseren Anlagen entsprechen. So wie im erwähnten Beispiel Anpassung, kann für eine andere Person der Machtkampf die gewohnte Reaktionsweise sein. Sie versucht um jeden Preis ihre eigenen Interessen durchzusetzen und die Gegenpartei zu übertrumpfen. Andere wiederum ziehen sich, sobald ihnen jemand schlecht gesinnt ist, zurück und oder flüchten gänzlich. Es gibt unzählige Variationen automatisierter Verhaltensweisen, mit denen der Einzelne seine Konflikte zu lösen oder zu entschärfen versucht. Sie resultieren – und dies ist wesentlich – nicht aus der Wahrnehmung der aktuellen Situation. Es sind Stimmungen und Prägungen aus der Vergangenheit, konfliktfeldwelche die Wahrnehmung der wirklichen Verhältnisse verhindern und sich über das momentane Geschehen stülpen. Die Lösung des Konfliktes wird also grundsätzlich innerhalb einer vergangenheitsgeprägten und subjektiven Sicht gesucht.

 

Je stärker sich jedoch eine Person im wiederholten Reaktionsmuster verliert, desto mehr fühlt sich das Gegenüber in der Auseinandersetzung ebenfalls im eigenen vorgeprägten Denken und Handeln bestärkt. Die Positionen verfestigen sich, und beide Seiten haben den Eindruck, es liege am Gegenüber deeskalierende Schritte zu unternehmen. Als Bild zeigt sich ein regelrechtes Eingesperrtsein in einem polaren Konfliktfeld.

 

In der Beratungspraxis wird deutlich, dass in Konflikten die Frage der Entwicklung, welcher der geistigen Ebene zugeordnet werden kann, den Parteien nicht oder nicht ausreichend bewusst ist. Entwicklung wird mehrheitlich als Ausdividieren und Entwirren von unbewussten und verworrenen Strukturen begriffen. Aus geisteswissenschaftlicher Sicht erfährt dieses Verständnis eine Erweiterung, indem die Aufmerksamkeit primär auf das Hinzukommen von ganz neuen, reiferen und edleren Qualitäten in der Persönlichkeit gerichtet ist, welche den Menschen beziehungs- und sozialfähiger werden lassen.

 

Aus dem Innersten wünscht sich der Mensch eine Erweiterung seines Umfassungsvermögens. Die Existenz eines derartigen Entwicklungswunsches drückt sich im Umstand aus, dass die Konfliktparteien oftmals bereits in der Vergangenheit mit gleichen oder ähnlichen Verhältnissen konfrontiert waren. Viele Betroffene schildern in Beratungsgesprächen von unsäglichen Wiederholungen von gleichen oder ähnlichen Konfliktsituationen, als würden sie gleich einem Magnet diese Verhältnisse anziehen. Ich werte dies als deutliches Zeichen, dass die Verhältnisse – wenn auch unbewusst – von uns selber solange aufgesucht werden, bis wir einen bestimmten Entwicklungsschritt für uns und unser Umfeld realisieren.

 

eingeschlossener-konfliktDie Erweiterung des Bisherigen, welche immer ein Schritt in eine objektivere Sichtweise darstellt, setzt voraus, dass die Parteien – oder zumindest eine Partei – die Aufmerksamkeit auf neue Vorstellungen und Qualitäten hinlenkt, die mit tieferen Lebensgesetzen korrespondieren. Durch eine ausdauernde und sorgfältige Beschäftigung mit diesen zunächst fremden Gedanken, die mit der Zeit zu tieferen Empfindungen führen und schließlich konstruktive Willensimpulse ermöglichen, entstehen wieder Verbindung und Aufbau unter den Parteien.

 

Eine solche neue Vorstellung könnte beispielsweise der Entwicklungsgedanke selber sein. Wer das Leben betrachtet, wird nicht umhin kommen festzustellen, dass mit dem Älterwerden ein Reifeprozess verbunden ist. Dieses Lebensgesetz, welches für alle Menschen Gültigkeit hat, drückt sich bei dem Psychiater Viktor Frankl mit der Aussage „Mensch sein heißt ja niemals, nun einmal so und nicht anders sein müssen, Mensch sein heißt immer, immer auch anders werden können.“ oder bei dem Geistforscher Heinz Grill mit den Worten „Das menschliche Leben befindet sich sowohl in individueller als auch in kollektiver Form in einer beständigen Weiterentwicklung.“ aus.

 

Der folgende Vergleich soll aufzeigen, welche komplett unterschiedlichen Auswirkungen sich ergeben, je nachdem ob in Konfliktsituationen ein Beziehungsaufbau unter Negierung (Person N) oder Bejahung (Person B) des Entwicklungsgedankens erfolgt.

 

Bleibt der Entwicklungsgedanke unberücksichtigt, so tendiert N dazu sich auf die äußere Lösung des Konfliktes zu fixieren, mit den entsprechenden Erwartungen an die Außenwelt. Sie wird dadurch abhängig von den Reaktionen anderer. B, die sich über längere Zeit und vertieft mit dem Entwicklungsgedanken beschäftigt hat – indem sie beispielsweise geeignete Gedanken von Persönlichkeiten studiert, die selber eine tiefere Sichtweise errungen haben – und von diesen ausgehend das Leben beobachtet, wird den Konflikt als momentanes Ereignis annehmen können. Sie wird – mit der vielleicht sehr leidvollen Erfahrung – freier und gelassener umgehen können, im Vertrauen auf ein inneres Wachstum , neue Entdeckungen und sich öffnenden Gestaltungsmöglichkeiten.

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N wird in der Regel an Positionen, Gütern und physischen wie auch psychischen Strukturen, die ihr scheinbar Schutz und Geborgenheit geben, festhalten. Sie bleibt bei ihren bisherigen subjektiven Bedürfnissen stehen. B hingegen wird daran interessiert sein, aus einer bestmöglichen Wahrnehmung heraus nächstmögliche konkrete Schritte zu denken und soweit wie möglich auszugestalten, welche für alle involvierten Personen einen Aufbau bringen. So kann auf der einen Seite eine zunehmende Kluft und Vereinzelung resultieren oder auf der anderen Seite können Zielsetzungen entwickelt werden, die verbindend wirken.

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Indem N den Entwicklungsgedanken ausser Acht lässt, wird sie dazu neigen, die Gegenpartei mit ihren Handlungen gleichzusetzen. Dadurch bindet sie die andere Person an ihre Schwächen und blockiert auch die Lösungsfindung. Indem B sich intensiv mit dem Entwicklungsgedanken beschäftigt, wird sie zunehmend erahnen, dass der Mensch in seiner Persönlichkeit niemals mit seinem äußeren Verhalten gleichzusetzen ist. Zwar muss er seine Verantwortung für seine Handlungen übernehmen, doch ist seine Persönlichkeit in einem fortwährenden Werden zu immer größeren Horizonten begriffen. B wird es dadurch immer besser gelingen die Gegenpartei in einem idealeren Sinne zu denken, frei von seinen Schwächen und Verfehlungen. Dies eröffnet wiederum ihrem Gegenüber einen freieren Bewegungsraum. Ein Zueinander und neue Perspektiven werden wieder möglich.

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Es ist naheliegend, dass N ihre Kritik nicht oder in abwertender oder gar vernichtender Art äußert, oder nur Dritten gegenüber in Form von Klagen. B hingegen wird sich um eine konstruktive Kritik bemühen, welche der Sache gerecht wird. Ob sanfte oder strenge Worte, sie entsprechen der Person und der Situation und behalten mitunter die Förderung der anderen Partei im Blick. Die andere Person kann Irrtümer und Verfehlungen bei sich besser erkennen. Sie verlieren an Gewicht, die Sicht wird frei für Aufbauendes.

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Für N besteht die Gefahr, mit wertender und moralisierender Färbung zu argumentieren Dadurch erhebt sie sich selber im äußeren im Selbstbewusstsein und die andere Person wird erniedrigt und im Selbstwertgefühl geschwächt. Blockaden oder Widerstände werden dadurch genährt. B bemüht sich um eine beschreibende und differenzierte Wortwahl, welche ihrem Gegenüber ein möglichst klares und nachvollziehbares Bild vermittelt. Dieser wird die Äußerungen leichter annehmen können und ihrerseits daran anknüpfen können.

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Es kann also, wie die vergleichende Darstellung anhand des Entwicklungsgedankens aufzeigt, die geistige Welt in Vorstellungen betrachtet und eingeprägt werden. In der Folge wird es möglich sein, die geeigneten Schritte im Konfliktgeschehen zu realisieren. Die zunehmende Berücksichtigung der geistigen Ebene wirkt ordnend und stärkend auf die Beziehungs- und Sozialfähigkeit, als seelische Dimension, und schließlich förderlich auf die äußeren Verhältnisse.

 

Für ein besseres Verständnis dieses Gestaltungsprozesses wird im Folgenden der Blick auf die Seele, als mittleres Glied des Menschseins, gerichtet. Die Seele, verstanden als innerer Wunsch des Menschen nach Beziehung und Verbindung, lässt sich in drei Seelenkräfte gliedern: Denken, Fühlen und Wollen. Unsere Worte und Handlungen tragen stets alle drei Seelenkräfte in sich – wenn auch in unterschiedlicher Betonung und Qualität – und zeitigen nach außen entsprechend unterschiedliche Wirkungen. Wie müssen die Seelenkräfte zusammenwirken, damit sie das Konfliktgeschehen förderlich beeinflussen?

 

Unsere Beziehungsaufnahme zu den Mitmenschen und zu Lebenssachverhalten erfolgt im Alltag in der Regel als Bewegung von unserem Willen und unseren Gefühlen ausgehend zum Denken. Es ist ein gefühlshaftes Wollen, das uns mehr oder weniger unbewusst determiniert. Gerade in Konflikten zeigt sich deutlich, dass wir anderen Personen gegenüber gewisse Erwartungen, Ansprüche oder Wünsche haben, wie sie sich verhalten oder was sie endlich einmal einsehen sollten. Wir lassen die anderen nicht wirklich frei in ihrem Sein. Zudem sind wir stark in unserem Gemüte von vergangenen Erfahrungen und in uns schlummernden Bildern geprägt, welche unser Verhalten beeinflussen. Ein Reizwort kann uns an vergangene negative Erfahrungen erinnern und zu Schlüssen führen, die mit der gegenwärtigen Situation nichts zu tun haben. Eine negativ gefärbte Einstellung zu anderen Menschen kann vorschnell einen Angriff oder eine Bedrohung vermuten lassen. Die negative Einstellung kann sich auch auf die eigene Person beziehen, vielleicht in Form eines Gefühls, nicht zu genügen. Entsprechend werden wir die Worte anderer schnell als Kritik oder Ablehnung auffassen. Es sind generalisierende und meist nicht ausreichend bewusste Einstellungen, die unser Denken im Sinne eines gefühlshaften Wollens bestimmen.

 

Diese Bewegungsrichtung vom Wollen oder Fühlen zum Denken ist im unten folgenden Bild auf der rechten Seite abgebildet und entspricht einer durch Anlagen und Gewohnheiten determinierten seelischen Aktivität. Wir sind innerhalb dieser Bewegungsdynamik nicht frei und lassen entsprechend auch unser Gegenüber nicht frei. Subtile oder offensichtliche Willenseingriffe finden statt und werden vom Gegenüber mit Widerstand oder Abwehr beantwortet.

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Die linke Seite verdeutlicht eine seelische Aktivität, die ihren Ausgangspunkt in objektiven Gedanken oder höheren geistigen Idealen nimmt. Aus dem oben dargestellten Vergleich anhand des Entwicklungsgedankens wird ersichtlich, dass wir uns in der Wahl der Ausrichtung unseres Denkens entscheiden können. Je länger und intensiver wir uns mit geistigen Quellen denkend und wahrnehmend beschäftigen, sie innerhalb von Konflikten und allgemein im Leben erproben, desto mehr wird sich ein neues Gefühl für Herausforderungen wie Konflikte für die involvierten Personen eröffnen. Diese neuen Empfindungen resultieren dann aus einer klaren Wahrnehmung und führen zu ganz neuen Handlungsmöglichkeiten. Wir werden nicht mehr bei uns selbst ansetzen sondern bei der Sache und ihren Erfordernissen selber. Bewegungsspielraum und neue Möglichkeiten entstehen, für uns selbst und für jedes Gegenüber.

 

Zusammenfassend kann nochmals ausgedrückt werden, dass die spirituelle Konfliktarbeit den Menschen in seiner Ganzheit als ein geistiges, seelisches und körperliches Wesen berücksichtigt. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt in einer objektiven Gedankenrealität (geistigen Ebene) und führt durch eine entsprechende Bewusstseinsaktivität zu harmonischeren Beziehungen (seelische Ebene) und zu aufbauenden Verhältnissen (körperliche oder materielle Ebene).

 

Mit Blick auf die drei Seelenkräfte ist die spirituelle Konfliktarbeit bemüht um ein möglichst objektives Denken, ein tieferes von Emotionen und Ängsten freies Fühlen und um ein Wollen auf der Basis von klaren Standpunkten und einer förderlichen Haltung gegenüber allen, denen wir auf unserem Weg begegnen.

 

Diese Art der Konfliktarbeit macht uns völlig unabhängig von dem Gegenüber. Unabhängig ob dieser nun Hand bietet oder nicht, können wir erweiternde Gedanken denken und ausgestalten. Je mehr diese Arbeit gelingt, desto befreiender wird sie auf das Umfeld wirken, denn dieses nimmt an den Lernschritten, wenn auch unbewusst teil, selbst wenn es sich im äußeren dagegen sträubt.

 

Folgerichtig wird die Hinwendung zu objektiven Gedanken die beste Konfliktprävention sein. Wer konsequent mit den tieferen Gesetzen des Lebens auseinandersetzt und seine Beziehungen entsprechend gestaltet, hat letztlich eine friedensfördernde Wirkung auf sein Umfeld.

 

Stellen sie sich beispielsweise vor, dass sich jemand intensiv über Jahre mit dem folgenden Gedanken von Johann Wolfgang von Goethe beschäftigt und diesen auch zunehmend in den alltäglichen Begegnungen umsetzt:

 

„Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie

schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein

sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.“

 

Patrick Villoz, Jurist und Mediator