Das Ideal eines selbstbestimmten und freien Menschen

 

Wir alle tragen in uns ein gewisses Bild über die Natur des Menschen. In der Regel ist dieses durch die vorherrschende Weltanschauung geprägt und ist uns durch das Elternhaus, durch die Schulbildung und aufgrund von gewonnen Erfahrungen und Schicksalsschlägen zuteilgeworden. Wie auch immer dieses Menschenbild aussieht, eines ist gewiss: es bestimmt uns maßgeblich in unseren Beziehungsaufnahmen, in unserer Lebensgestaltung und hinsichtlich der Spuren, die wir in der Welt hinterlassen.

Wer seriöse spirituelle Schriften liest, wird auf ein Menschenbild stoßen, dessen wesentliches Merkmal die Freiheit ist. Er wird dem Ideal eines Menschen begegnen, der sein Leben selbstbestimmt führt und dadurch frei ist. Der Begriff „selbstbestimmt“ wird dabei in dem Sinne verwendet, dass der Mensch sein Leben ausgehend von seinem Selbst – nicht im Sinne eines äußeren Selbstbewusstseins oder eines Ego, sondern im Sinne einer höheren und geistigen Instanz – aktiv gestaltet und führt.

Die weitreichende Bedeutung eines selbstbestimmten Lebens kann infolge unserer mehr veräußerlichten Bewusstseinshaltung nicht sogleich erfasst werden. Die folgenden Inhalte bemühen sich um ein erstes Verständnis. Dabei wird einerseits das viergliederige Menschenbild von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, dargestellt und andererseits auf das Wirken von Mahatma Gandhi hingewiesen.

 

Das viergliedrige Menschenbild von Rudolf Steiner

Um den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen, gliederte ihn Rudolf Steiner in vier Ebenen: Ich, Astralleib, Ätherleib und physischer Leib.

 

Ich

Das Ich stellt die geistige Dimension des Menschen dar und es ist gleichzusetzen mit dem in verschiedenen hinduistischen Geistesströmungen verwendeten Begriff „Selbst“. Dieses Ich unterliegt weder Raum noch Zeit und kann durch unsere Sinne nicht wahrgenommen werden. Es ist unabhängig von Geburt und Tod und stellt den unvergänglichen und ewigen Anteil des Menschen dar.

Mit dem Ich ist das schaffende oder schöpferische Potential des Menschen gegeben. Schöpferisch tätig wird der Mensch, indem er sich höheren Idealen und Wahrheiten, die ihm zunächst unbekannt sind, denkend annähert. Dadurch reifen diese mit der Zeit zu konkreten Vorstellungen und werden zu Realitäten, die im Leben unmittelbar ausgedrückt werden können. Die Ich-Aktivität im Sinne eines schöpferischen Denkprozesses führt den Menschen über seine bisherigen Grenzen hinaus und eröffnet ihm neue Perspektiven. Dem Ich wird deshalb die Freiheit zugeschrieben.

Nur der Mensch ist Träger des Ichs, nicht aber die Tiere. In der Tierwelt finden wir zwar eine hoch ausgebildete artspezifische Intelligenz, doch diese ist nicht das Ergebnis eines Denkprozesses und basiert nicht auf einem Selbstbewusstsein, sondern ist instinktiver Natur.

 

Astralleib

Das nächstfolgende Wesensglied des Menschen ist der Astralleib. Dieser bezeichnet die seelische Wirklichkeit des Menschen, die weit über den heutigen Begriff der Psyche hinausgeht. Der Begriff „astral“ setzt Rudolf Steiner gleich mit dem Adjektiv „sternenglänzend“. Er erkannte in den Sternen und Planeten des Kosmos nicht bloße physische Kugeln, sondern ein uns heute nahezu gänzlich verborgenes geistiges Kräftewirken, welches mit dem Astralleib in Verbindung steht.

Der Astralleib ist der Träger des Bewusstseins. Aufgrund des Astralleibes können wir ein Selbst- oder Ichgefühl erlangen und uns entsprechend als einzigartiges und unsterbliches Individuum empfinden lernen. So umfasst der Astralleib nicht nur die uns bekannten Gefühle und Leidenschaften sowie Neigungen und Abneigungen, sondern tiefste und verborgene Empfindungen.

Diesen Leib hat der Mensch einzig gemeinsam mit den Tieren, nicht aber mit den Pflanzen und Mineralien. Deshalb empfinden nur der Mensch und die Tiere Schmerzen.

 

Ätherleib

Das dritte Wesensglied ist der Ätherleib. Er kann vereinfacht als der Lebenskräfteleib bezeichnet werden. Er ist im Gegensatz zum nächstfolgenden physischen Leib nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, sondern feinstofflicher Natur. Rudolf Steiner beschreibt ihn in einem Vortrag folgendermaßen: „Der Ätherleib hat nichts mit dem (veralteten) physikalischen Begriff von Äther zu tun und wird besser nicht als ein Stoff, sondern als eine Summe von Kräften, als eine Summe von Strömungen von Kraftwirkungen beschrieben. Er ist aber der Architekt des aus ihm herauskristallisierten physischen Leibes, welcher sich aus ihm herausentwickelt wie etwa das Eis aus dem Wasser."

Den Ätherleib hat der Mensch mit der Pflanzen- und Tierwelt gemeinsam. Wie drückt er sich aus? Wenn beim Menschen die Ätherkräfte geschwächt sind, gerät er in die Erschöpfung oder Krankheit. Bei der Pflanze zeigen sich die Ätherkräfte in ihrer leichten Aufrichtekraft.

 

Physischer Leib

Der physische Leib in seiner Form mit Kopf, Rumpf und Gliedern, ist mit dem Ich, dem Astralleib und den Lebenskräften des Ätherleibes durchdrungen und lässt uns mit jedem Tag die verschiedensten Verrichtungen vollbringen. Er stellt das mit den Sinnen wahrnehmbare vergängliche Dasein unseres Wesens dar.

Diese Ebene hat der Mensch gemeinsam mit dem Erdreich, dem Pflanzen- und dem Tierreich.

 

Fazit

Aus dieser Darstellung wird deutlich, dass der Mensch sein Leben aktiv und bewusst aus dem Ich oder dem Selbst gestalten und führen sollte. Um ein wirklich selbstbestimmtes Leben zu führen ist der Einzelne aufgefordert, sich bewusste und konkrete Vorstellungen der Ich-Ebene, die sich in Form von Idealen und Wahrheitsgedanken ausdrückt, anzueignen.

Indem der Einzelne die Weltenschöpfung ausgehend von Wahrheitsgedanken (Ich-Ebene) studiert und dabei sein Bewusstsein schult und erweitert (Astralleib), erschafft er neue Lebenskräfte (Ätherleib) und in der Folge harmonischere Bedingungen auf der körperlichen Ebene (Physischer Leib) und in der Welt.

 

Selbstbestimmung verdeutlicht anhand des Wirkens von Mahatma Gandhi

 

DW4Y0Y MAHATMA GANDHI (1869-1948) Indian nationalist leader about 1925

Ein erhebendes Beispiel für einen Menschen der die Selbstbestimmtheit in einem beachtlichen Maße entwickelt hat, ist Mahatma Gandhi. Unter der Federführung von Gandhi befreite sich Indien im Jahre 1947 von der englischen Kolonialherrschaft und gewann die Unabhängigkeit. Bemerkenswert an diesem Unabhängigkeitsprozesses war, dass er nicht in Form eines gewaltsamen Umsturzes vonstatten ging, sondern mit dem Mittel des zivilen Ungehorsams in absoluter Gewaltlosigkeit.

 

Mahatma Gandhi vermochte zur damaligen Zeit das hinduistische Ideal der Gewaltlosigkeit (ahimsā) in einer wirksamen sozialen und politischen Bewegung im großen Maßstab zu realisieren. Liest man in der Autobiographie von Gandhi fällt auf, dass ihn die Frage, nach der profunden Bedeutung der Gewaltlosigkeit und deren praktische Umsetzung, sein Leben lang intensiv beschäftigt hat. Sein Verständnis für das Ideal der Gewaltlosigkeit, als ein unmittelbares geistiges Wahrheitsprinzip, wuchs über die Jahre des Studiums von spirituellen Schriften, des Forschens und des Dialoges mit Anderen sowie über manche Irrtümer und Korrekturen in der praktischen Umsetzung. Schließlich mündeten seine Bemühungen in die gewaltlose Unabhängigkeitsbewegung Indiens.

 

Wer sich eingehender mit der Person und mit dem Leben von Gandhi beschäftigt, wird dem so wesentlichen und souveränen Prinzip der Selbstbestimmtheit begegnen. Er wird darauf stoßen, dass Gandhi diese Qualität der freiheitlichen Lebensführung realisierte, indem er sein Denken ausgehend von geisterfüllten Gedanken und Idealen beständig und ausdauernd schulte (Ich-Ebene). Dadurch konnten sich ihm wahrere Gefühle für seine Mitmenschen und für die Notwendigkeiten der Zeit eröffnen (Astralleib). Die hohe Zielsetzung, Indien durch einen gewaltfreien zivilen Ungehorsam in die Unabhängigkeit zu führen, schenkten Gandhi die nötige Ausdauer und die erforderliche Kraft (Ätherleib) für sein unermüdliches Streben. Schließlich drückte sich die selbstbestimmte Aktivität Gandhis in seinem anmutig und leicht erscheinenden Körper und in der gewaltfreien Form des Miteinanders aus (Physischer Leib).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute ist ein Bewusstsein über den Zusammenhang zwischen Planetenkräften und Menschen nahezu verschwunden. Wissen-schaftlich werden heute nur gewisse Einflüsse des Mondes auf den Menschen und die Erde anerkannt. Eine konkrete und praxisbezogene Darstellung des Zusammenhanges zwischen der Entwicklung des Menschen und des Planetenwirkens findet sich im Buch „Die Signaturen der Planeten und die seelisch-geistige Entwicklung in der Pädagogik“ von Heinz Grill.

 

 

 

 

Vortrag zum Thema „Die Erziehung des Kindes vom Standpunkt der Geisteswissenschaft“ vom 1. Dezember 1906, Gesamtausgabe Nr. 55

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Albert Einstein sagte nach dem Versterben von Mahatma Gandhi: „Künftige Generationen werden kaum glauben, dass einer wie er in Fleisch und Blut auf dieser Erde gewandelt ist.“