.

Eine zeitgemässe Spiritualität

 

Mit den folgenden Inhalten sollen einige wesentliche Aspekte einer auf logischen und nachvollziehbaren Grundsätzen aufbauenden und konkreten spirituellen Disziplin skizziert werden, die das praktische Leben in einer aufbauenden und verbindenden Weise beleben kann. Sie zielen darauf ab, einen möglichst breiten Dialog in der Öffentlichkeit, mit Interessierten und Andersdenkenden, zu eröffnen.

In der heutigen Zeit gehören Menschen, die sich außerhalb der großen religiösen Institutionen um spirituelle Fortschritte bemühen, einer kleinen Minderheit an. Derjenige der öffentlich ausspricht, dass die geistige Dimension durch den einzelnen Menschen konkret erfahren werden kann, muss mit kritischen bis abwertenden Urteilen rechnen. Sei es, dass ihm diese Fähigkeit abgesprochen wird oder er als Fantast oder gar als Anhänger einer Sekte abgestempelt wird. Vielleicht leitete Max Plank 1944 aus ähnlichen Gründen den Vortrag zum Thema „Das Wesen der Materie“ mit den folgenden Worten ein: „Meine Herren, als Physiker, der sein ganzes Leben der nüchternen Wissenschaft, der Erforschung der Materie widmete, bin ich sicher von dem Verdacht frei, für einen Schwarmgeist gehalten zu werden.“

Es erscheint sinnvoll dieser geistkritischen oder geinstverneinenden  Stimmung vorweg, bevor inhaltliche Ausführungen zu Spiritualität erfolgen, einige Worte zu schenken. Wie kommt es, dass dem Menschen das Vermögen abgesprochen wird, durch eine solide Erkenntnisarbeit zu den tiefsten Geheimnissen des Lebens vordringen zu können? Für eine erste Beantwortung dieser Frage, kann die Aufmerksamkeit auf die Zielrichtung einer seriösen spirituellen Arbeit gerichtet werden.

Der spirituell Suchende beobachtet und studiert die verschiedenen Verhältnisse und Phänomene in der Welt ausgehend von tieferen geistigen Gesetzmäßigkeiten. Er schult sich in einer möglichst objektiven Wahrnehmung der Innen- und Außenwelt. Nach und nach eröffnen sich ihm bisher unbekannte Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten des Lebens. Er wird in zunehmendem Maße ein selbstständig denkender und fühlender Mensch, dessen Handlungen an Authentizität gewinnen. Durch die gewonnen Erkenntnisse wird er sich für sein Umfeld und für das Weltgeschehen mitverantwortlich fühlen und diese unter Berücksichtigung höherer Werte und Ideale mitgestalten wollen. Er wird sich an Lügen und Manipulationen sowie anderen destruktiven und asozialen Machenschaften stören, in aufklärender Weise dagegen eintreten und sich gleichzeitig um freiheitlichere Verhältnisse bemühen.

Nun können Sie sich, ausgehend von diesem in aller Kürze gezeichneten Bild, nochmals die Frage stellen: Wer ist für die den Geist verneinende Stimmung der Gegenwart verantwortlich?

In einem wesentlichen Maße dürften diejenigen Instanzen dafür verantwortlich sein, die dem Menschen ein wahres selbstbestimmtes Leben um der eigenen Vorteile und Macht willen nicht zugestehen. Sie sind unter anderem auf religiösem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet zu finden. So hält beispielsweise die katholische Kirche nach wie vor an dem unfehlbaren Dogma fest – um nur eines von vielen zu erwähnen –, dass der Mensch ihrer Gemeinschaft angehören muss, um nicht in das ewige Feuer zu verfallen[1]. Unter dem Deckmantel der christlichen Nächstenliebe werden Ängste geschürt, um den Menschen an das Kirchensystem zu binden. Auf politischem Gebiet scheuen so manche Politiker nicht davor zurück, den Menschen in seiner Meinungs- und Urteilsbildung zu manipulieren, um eigene Interessen durchzusetzen. Heute wissen wir, dass selbst kriegerische Interventionen gegenüber der Öffentlichkeit mit vorgetäuschten Fakten legitimiert werden. Schließlich scheuen auch namhafte Akteure des Wirtschaftslebens nicht davon zurück, ihre Kunden zu belügen und Gewinne durch Tricksereien oder gar Betrügereien  zu maximieren. Die Gewinnsucht der Finanzinstitute oder der VW-Dieselskandal sind nur zwei Beispiele von vielen. Nicht zu vergessen sind Teile der Medien, die in dem Ganzen eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Wer forschend in die Welt blickt, wird unzählige Institutionen und Systeme entdecken, die daran interessiert sind, dass der einzelne Mensch möglichst unkritisch, beeinflussbar und willig ist und niemals zu seiner wahren Größe findet.

Es sind aber nicht nur äußere Instanzen und die sich darin bewegenden Personen welche das Selbstwerden im Sinne eines geisterfüllten Menschen stören oder gar bekämpfen. Wir alle haben im Verlaufe des Lebens durch Erziehung, Bildung und Kultur sowie Einflüsse vielseitigster Art, etliche Glaubenssätze und Normen aufgenommen, die uns unbewusst determinieren und die einem freiheitlichen Menschenbilde entgegen stehen. So sind wir beispielsweise alle geprägt durch 2000 Jahre Kirchengeschichte, die dem Menschen seine Erkenntniskraft abspricht und durch 600 Jahre moderne naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, die das Leben ausschließlich ausgehend von sinnlichen Beobachtungen erklärt und übersinnliche Vorstellungen ausschließt.

Für den nach Entwicklung strebenden Menschen ist es deshalb notwendig, sich des Umstandes bewusst zu sein, dass etliche äußere Einrichtungen sowie die eigenen unbewussten Prägungen und Auffassungen einer unbefangenen Auseinandersetzung mit Spiritualität im Wege stehen. Der einzelne Mensch ist daher auf dem spirituellen Pfad aufgefordert, sich nicht nur mit erstrebenswerten Idealen und Werten, sondern auch mit den destruktiven und ihn reduzierenden Kräften auseinanderzusetzen. Wer es wagt, sich auf eine derartige gediegene spirituelle Arbeit einzulassen, der wird sein Leben zunehmend selbstbestimmter gestalten und anderen Menschen freier begegnen können.

 

[1] Dogma Nr. 381, aus dem römisch-katholischen Standartwerk „Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigungen“, von Josef Neuner und Heinrich Roos, mittlerweile in der 13. Auflage erschienen